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Chronischer Stress

Bereits akute Stresseinwirkungen, wie wir sie zum Beispiel bei experimentell induziertem Stress durch kognitive Belastungsaufgaben wie Kopfrechnen vorfinden, gehen mit einem raschen und deutlichen Anstieg der sympathischen Aktivierung und einem ebenso deutlichen Rückgang der parasympathischen Aktivierung einher. Messtechnisch äußert sich dies in einer Verringerung der parasympathischen Aktivierungsindikatoren HFms² und RMSSD sowie in einem Anstieg des sympatho-vagalen Balancemaßes LFms²/HFms².

Von ungleich größerer Bedeutung sind natürlich die Auswirkungen chronischer Stressbelastungen, da diese in der Regel mit dauerhaften Regulationsstörungen des ANS und damit zahlreichen Gesundheitsgefährdungen einhergehen. Dies trifft natürlich in besonderem Maße auf chronischen Arbeitsstress zu.

Arbeitsstress

In jüngster Zeit haben sich zahlreiche Untersuchungen mit den Auswirkungen von chronischem Arbeitsstress auf das autonome Nervensystem und dessen Messungen mittels HRV beschäftigt (Togo & Takahashi, 2009; van Amersvoort et al., 2000; Tanja et al., 2000 usw.).

Die Ergebnisse dieser Studien sind weitgehend übereinstimmend, indem sie darauf hindeuten, dass langjähriger chronischer Arbeitsstress zu überdauernden Veränderungen der autonomen Regulationsmechanismen führt, die sich nicht nur während der Arbeitszeit äußern, sondern auch während Phasen der Freizeit und des Nachtschlafs nachweisbar sind.

Die bedeutsamsten Veränderungen, die bei der überwiegenden Anzahl der Arbeiten nachgewiesen werden konnten, sind nachhaltige Reduzierungen des kardio-vagalen Tonus und damit der wichtigsten Schutzmechanismen des Körpers gegen Überforderung. Außerdem kommt es in den meisten Fällen auch zu einem moderaten bis deutlichen Anstieg des sympathischen Aktivierungsniveaus. Die Kombination beider Faktoren ist von entscheidender Bedeutung dafür, dass chronischer Arbeitsstress eine nicht zu unterschätzende Rolle bei der Entstehung koronarer Herzerkrankungen spielt (Chandola et al., 2008; Aboa-Eboulé et al., 2007; Belkic et al., 2004).

Wesentliche Faktoren, deren beeinträchtigende Rolle auf die Funktionsfähigkeit des ANS nachgewiesen werden konnte, sind insbesondere

  • Hohe Arbeitsbelastung, Arbeitsüberlastung
  • Empfundene Ungerechtigkeit
  • Missverhältnis zwischen Anforderungen und Anerkennung
  • Geringe Arbeitsplatzkontrolle
  • Mangelnde Unterstützung
  • Überzogene eigene Ansprüche
  • Nacht- und Schichtarbeit
  • Physikalische und chemische Einwirkungen

Ein typisches Beispiel für einen jüngeren gesunden Angestellten mit chronisch hoher Arbeitsbelastung und hohem Beanspruchungsgefühl findet sich in nachstehender Abbildung. Bemerkenswert ist insbesondere die extrem stark ausgeprägte sympathisch-parasympathische Balanceverschiebung zulasten einer kardio-vagalen Hypoaktivierung.

Burnout

Während, wie oben erläutert, chronischer Arbeitsstress mit einem deutlich verringerten parasympathischen Aktivierungsniveau, aber einem in der Regel erhöhten sympathischen Aktivierungsniveau assoziiert ist, steht bei Patienten, die an einem Burnout Syndrom leiden, neben dem reduzierten parasympathischen Aktivierungs-niveau eine deutlich ausgeprägte Reduktion des sympathischen Aktivierungstonus im Vordergrund.

Dies deutet darauf hin, dass langjähriger chronischer Stress zu einem Zusammenbruch der Abwehr- und Widerstandskräfte bei dem Patienten geführt hat. Dem Patienten fehlt oft die Fähigkeit und Bereitschaft, sich der Situation aktiv zu widersetzen. Er hat sich mit der Unabänderlichkeit der Situation abgefunden, ohne noch ausreichend Abwehrkräfte mobilisieren zu können, weder psychisch noch körperlich, die ihn in die Lage versetzen könnten, die Situation aktiv zu bewältigen.

Ein typisches Beispiel dafür findet sich in der nachstehenden Abbildung, die das Reaktionsschema eines älteren Patienten einer psychosomatischen Fachklinik enthält, der nach langjährigem familiären und beruflichem Stress chronische psychosomatische Beschwerden zusammen mit einer Burnout Symptomatik entwickelte.

 

 

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