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Die HRV-Analyse: ein sensibles medizinisches Frühwarnsystem

Kardiovaskuläre Erkrankungen sind weltweit die führende Ursache von Morbidität und Mortalität. Mit einem Anteil von fast 50 Prozent aller Todesfälle nehmen Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems einen führenden Platz in der Sterblichkeitsstatistik der westlichen Industrienationen ein.

In den zurückliegenden Jahren konnte eine beträchtliche Anzahl von Risikofaktoren wie Hypertonie, Diabetes, Cholesterin, Triglyzeride, C-reaktives Protein (CRP), Bewegungsmangel oder Rauchen identifiziert werden, die sowohl als Einzelfaktoren wie auch in Kombination wertvolle Hinweise auf das individuelle 10-Jahres Risiko eines akuten Koronarereignisses liefern.

Unabhängig von ihrer hervorragenden Bedeutung, die unstrittig ist, besteht allerdings ein grundlegendes Problem fast aller traditionellen Risikofaktoren darin, dass sie erst zu einem relativ späten Stadium des Entwicklungsprozesses der Krankheit ansetzen, nämlich dann, wenn bereits beträchtliche klinisch auffällige pathologische Veränderungen im Körper stattgefunden haben (Bluthochdruck, Diabetes, arterielle Veränderungen, Entzündungsprozesse usw.).

Von zentraler Wichtigkeit ist es daher, über Verfahren verfügen zu können, die in einem möglichst frühen Stadium, und zwar noch vor Auftreten traditioneller Risikofaktoren, funktionelle Veränderungen im Organismus erkennen, die als Anzeichen eines beginnenden Entwicklungsprozesses gewertet werden können, an dessen Ende klinisch relevante Erkrankungen des Herz-Kreislaufsystems stehen.

Ein Verfahren, das dieser Aufgabe gerecht werden könnte, könnte nach den einschlägigen Forschungsarbeiten der allerletzten Jahre die HRV-Analyse sein, wobei erwartungsgemäß insbesondere der Analyse der kardio-vagalen (parasympathischen) Aktivität eine herausragende Rolle zuzukommen scheint.

Vorhersage des Mortalitätsrisikos bei ursprünglich gesunden Personen

Dass Maße der HRV-Diagnostik überhaupt in der Lage sind, Vorhersagen über das Erkrankungs- oder Sterblichkeitsrisikos bei noch gesunden, d.h. zum Zeitpunkt der Erstuntersuchung noch asymptomatischen Personen zu machen, wurde in den letzten Jahren in umfangreichen mehrjährigen Längsschnittstudien belegt (vgl. u.a. Thayer et al., 2010; Thayer & Lane, 2007; Masi et al., 2007).

In der bereits 1975 durchgeführten "Men born in 1913 study" fand man, dass 50-jährige gesunde Männer, die zum Zeitpunkt der Erstuntersuchung eine reduzierte kardiovagale Aktivität aufwiesen, nach 10 Jahren signifikant häufiger an ischämischen Herzerkrankungen gestorben waren als Männer mit einer stärker ausgeprägten parasympathischen Aktivierung.

In der 1997 durchgeführten "Zutphen Study" wurden ursprünglich gesunde Probanden über einen Zeitraum von 5 Jahren verfolgt. Bei Männern im mittleren Alter, die bei der Erstuntersuchung eine reduzierte kardio-vagale Aktivität aufwiesen, war das Mortalitätsrisiko nach dieser Zeitspanne um das 2.1 fache erhöht. Bei älteren Männern belief sich die Erhöhung des Mortalitätsrisikos noch auf das 1.4 fache.

Im Rahmen der Framingham Heart Study (Tsuji et al., 1994) konnte man an einer Cohorte von über 700 Männern und Frauen im Durchschnittsalter von 72 Jahren nach einem Zeitraum von 4 Jahren ebenfalls ein deutlich erhöhtes generelles Mortalitätsrisiko bei den Personen mit beeinträchtigten HRV-Parametern feststellen.

Auch in der Hoorn Study (Gerritsen et al., 2001), einer prospektiven Studie an Personen aus der Allgemeinbevölkerung standen nach einem follow-up Zeitraum von 9 Jahren Maße der HRV in einem deutlichen Zusammenhang zum generellen Mortalitätsrisiko.

Schließlich untersuchten Liao et al. (2002) im Rahmen der Atherosclerosis Risk in Communities (ARIC) Study über 11 000 Personen im mittleren Lebensalter über einen Zeitraum von 8 Jahren im Hinblick auf das Mortalitätsrisiko in Abhängigkeit von verschiedenen HRV-Parametern. Sie fanden zwar die deutlichsten Zusammenhänge bei Personen, die bereits zum Zeitpunkt der Erstuntersuchung Diabetes aufwiesen. Aber auch bei asymptomatischen Patienten war das Risiko für tödliche Herzerkrankungen bei sehr niedrigen LF-Werten im Vergleich zu hohen LF-Werten um das 1.92 fache erhöht. Das Mortalitätsrisiko aufgrund sonstiger Erkrankungen war immerhin noch um das 1.33 fache erhöht.

Die erhaltenen enge Zusammenhänge zwischen veränderten HRV-Maßen und einem erhöhten Mortalitätsrisiko bei noch asymptomatischen Personen sind nicht methodenabhängig und auf Verfahren der FFT-Analyse beschränkt, sondern finden sich auch in Studien mit neueren nichtlinearen Verfahren der HRV-Analyse, wie z.B. eine Studie von Stein et al. (2008) an einer Gruppe von über 1100 Personen mit einem Durchschnittsalter von 72 Jahren belegt.

Die erwähnten Untersuchungen unterstützen in ihrer Gesamtheit die Auffassung, dass HRV-Parameter, insbesondere jedoch Indikatoren der kardio-vagalen Hypoaktivierung in der Lage sind, das Mortalitätsrisiko bei ursprünglich asymptomatischen Personen vorherzusagen.

Da dieser Zusammenhang in den erwähnten Studien auch nach Kontrolle traditioneller Risikofaktoren erhalten blieb, kann man davon ausgehen, dass es sich bei der kardio-vagalen Hypoaktivierung um einen eigenständigen Risikofaktor handelt, der unabhängig von traditionellen Risikofaktoren eine Vorhersage des späteren Erkrankungsrisikos bei klinisch noch nicht auffälligen Personen handelt.

Zu berücksichtigen ist bei diesen Studien allerdings, dass sie zwar in ihrer überwiegenden Zahl an noch asymptomatischen Personen durchgeführt wurden. Da die Mehrzahl dieser Untersuchungen jedoch aus naheliegenden methodischen Gründen an älteren Individuen aus der Allgemeinbevölkerung durchgeführt wurde, gehören diese bereits aufgrund ihres höheren Lebensalters einer Risikopopulation an. Was zurzeit noch fehlt, sind entsprechende Langzeituntersuchungen an noch jungen, gesunden Personen.

 

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